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Du wachst auf, doch du bist noch zu müde. Du drehst dich wieder um und ziehst die Bettdecke enger um dich. Du schließt die Augen. Aber es ist hell. Normalerweise dürfte es um diese Uhrzeit nicht hell sein. Du blickst auf die Uhr, die auf deinem Nachttisch steht. Die Uhr zeigte zehn Minuten vor acht an.
Du hast verschlafen und deine Eltern haben dich nicht geweckt.
Du musst los!
Eilig springst aus dem Bett und fischst ein paar Kleidungstücke aus deinem Schrank. Du hast keine Zeit zu Duschen und ziehst dich in Windeseile an. Dann rennst du in die Küche, reißt den Kühlschrank auf und siehst, dass eine Dose mit Broten darin liegt. Du packst die Dose und stopfst sie in deinen Ranzen. Danach siehst du noch eine Flasche Erdbeermilch. Auch die schnappst du dir und packst sie ein. Schließt die Kühlschranktür und stürmst aus der Küche in den Flur. Du ziehst dir die Schuhe an und wirfst dir eine Jacke über. Schnappst dir noch schnell deinen Schlüssel und steckst ihn in die Jackentasche. Dann öffnest du die Haustür, rennst in den Garten, wo du dein Fahrrad holst.

...weiterlesen "»Zu spät« von Paul Eliah Ziese"

Er legt gleich los, will mit der nächsten Lektion beginnen, und geht einfach davon aus, dass alle verstehen, wovon er redet und dass alle voll im Thema sind.
Draußen regnet es. Die Blumenkästen auf dem Schulhof werden überschwemmt. Regentropfen trommeln auf das Blechdach der Fahrradständer.
»Gibt’s denn keinen Tafeldienst?«, fragt Herr Müller genervt. Keine Reaktion.
Fast die ganze Klasse guckt mit leeren Augen nach vorne. Jemand sabbert auf den Tisch. Leises Gemurmel und Scharrgeräusche schweben durch den Raum. Luise fühlt ein Stechen im Magen. Sie fröstelt und schaut in ihr Heft. Wütend hingekritzelte Striche auf der ganzen Seite. Ganz lange, hässliche Striche. Aber keine Kurven. Sie hatte es wirklich versucht und trotzdem nichts begriffen.
Mitten in einem gefühlt endlosen Monolog von Herrn Müller hebt sie ihren Arm. Jetzt ist es still. Er schaut irritiert über seine Brille hinweg. »Ja, bitte?«
Er nennt seine Schüler nie beim Namen. Manchmal fragt Luise sich, ob er überhaupt weiß, wie sie heißt.
»Ich wollte Sie fragen …«
Sie zögert. Jetzt ist ihr heiß. Am liebsten würde sie fragen: »Wozu brauche ich bitte diese bescheuerten Kurven?« Aber sie beherrscht sich. Ihr Blick wandert wieder über ihr Heft. Nie, nie würde sie das brauchen. Aber Herr Müller hatte gesagt, es sei wichtig. Die Zahlen verschwimmen vor ihren Augen. Sie sagt: »Also, es ist so, ich denke, ich und viele andere haben die Hausaufgaben nicht ganz verstanden, könnten Sie vielleicht das von der letzten Stunde noch einmal erklären?«

...weiterlesen "»Herr Müller« von Clara Leonore Paulick"

Ich komme immer dann, wenn alle schon weg sind.
Ich gehe durch die schwere Tür ins Schulgebäude. Am Getränkeautomaten bleibe ich stehen, schmeiße ein paar Münzen ein, drücke auf den Knopf neben dem Colaschild und kurz danach fällt laut polternd eine Colaflasche in das Fach hinab. Die Flasche ist eiskalt. Angenehm.
Ich ziehe den Generalschlüssel aus meiner tiefen Manteltasche und stecke ihn in das Schloss zum Putzraum. Drinnen riecht es nach Reiniger und alten Lappen. Die Waschmaschine mit den Putzlappen ist fertig gelaufen. Ich mach sie aus und hänge meinen Mantel an den Haken. Dann greife ich nach dem Putzwagen und stelle alle Utensilien hinein, die ich gleich für meinen Rundgang benötige. Putzlappen und Schwämme, verschiedene Putzmittel, Eimer, Wischmopps und Handschuhe. Zuletzt greife ich nach meinem Handy und den Kopfhörern und schiebe den Wagen in den Flur. Meinen Rundgang starte ich immer in der Mensa, dann geht es zu den Lehrerzimmern und in die Klassenzimmer und anschließend in die Fachräume. Als letztes putze ich immer die Turnhalle.
In der Mensa tauche ich den Wischmop in das noch saubere Wasser im Eimer. Jeden Tag überlege ich mir ein anderes Muster in dem ich den Boden wische.
Gestern hab’ ich in der Ecke neben der Tür angefangen und mich in Zickzackmustern durch den ganzen Raum gearbeitet.
Heute fange ich in der Mitte an und wische den Raum in einem immer größer werdenden Kreis. Die Muster dürfen sich nicht wiederholen. Einmal hab’ ich mich versehentlich verwischt und musste wieder von vorne anfangen.

...weiterlesen "»Sauber« von Allegra Tiedemann"

29. Juni 2014 / Frühjahrskurs 2014

Heute habe ich meine Magenschleimhaut das Klo heruntergespült. In den Weiten der Selbstzerstörung ist das Zeitgefühl irgendwo auf der Strecke geblieben und der Restalkohol verbietet es mir, zurückzulaufen um es vielleicht wieder zu finden. Genauer gesagt hat er sich auch meiner Erinnerung ermächtigt, die nun bruchstückhaft durch die Nebel meines Kopfes wabert. In den Gehirnnebelungen lungert sie so rum zwischen ein paar Wortfetzen euphorischer Gespräche und Liedpassagen. Alkohol, du kleiner Schizo, viel zu gut, viel zu übel, übel und gefährlich. Fuck me now and love me later, steht auf den Plakaten. Eins haben sie falsch aufgeklebt: fuck me now and fuck me later.
Vier Tiefkühlpizzen und ich warten an der Kasse und es fällt uns schwer, die Contenance zu bewahren. Wir sehen gerade nicht besonders gut aus und können das zitternderweise nicht besonders gut verstecken. Wir fragen uns, was all die Menschen hier eigentlich machen. Sie kaufen alles to go. Coffee to go, Müsli to go, Kaugummi to go. Alle gehen zielstrebig irgendwohin. Festlich mutet das an - und doch sind die kaffeegetränkten Wege dann eher unspektakulär. Und die gelangweilten Mensch führen Monologe, die sie dir als Gespräch vor den Latz knallen, um sich dann in ihrer eigenen Berechtigung zu suhlen. Und alles was gegen das Eigene spricht, wird lautstark übertönt vom inneren Tonband der eigenen Gutheit, das nicht aufhört zu laufen, bis man aufhört zu atmen.

„Ich bleibe auch in Zeiten der Krise Abteilungsleiter der Liebe“, hat mal wer gerappt.
Manche halten Gesellschaftskritik ja für abgedroschen. Aber wenn ich mir das alles hier so angucke, mich und die Pizzen und die optimalst optimierten Menschen, dann krieg ich schon Lust auf kritische Gesellschaft und gesellschaftliche Kritik. Aber das hats auch alles schon gegeben und so richtig neu wäre das wohl nicht. Ist auch irgendwie immer weiter gegangen und den meisten wars herzlich egal.
„Zwölf neunundzwanzig, bitte!“ sagt die Kassiererin. Ich zahle und mache mich auf die Suche nach dem Eimer, in dem ich bin. Ich oder die Welt, je nachdem.