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Die Uhr steht auf dem Kopf. Hinten im Raum schwirrt eine Fliege fast lautlos und malt Kreise in die Luft. Sie bewegen sich nicht. Hinterm Fenster dämmert es schon, oder wieder oder immer noch während Tropfen in Zeitlupe an der Scheibe hinunterlaufen und Ihnen die Sicht nehmen. Ansonsten steht Alles in Reih und Glied. Die Möbel verteilen sich geordnet im Raum wie Soldaten auf ihren Positionen, die zögern loszuschlagen. Glatt und unverändert zeigt der Spiegel ihr Bild. Da sitzen sie stumm und jeder für sich auf Stühlen vor weißen Wänden, die nicht daran denken, farbig zu werden. Sie haben Pläne und Bücher, in denen sie diese sauber und der Reihe nach verzeichnen. Trotzdem haben sie nichts zu tun. Hin und wieder befreien sie sich aus der Starre und ihre Augen wandern rastlos im Raum herum, aber heften sich an kein Objekt. Sie wissen das würde noch eine Weile, eine lange oder kurze je nachdem, wie man es auffasst, so weitergehen. Bis zum nächsten Morgen auf jeden Fall. Dann wissen sie, wird es wieder hell und jemand pocht and die Tür und drängt sie dazu, aufzustehen. Dann stellen sie die Uhren wieder richtig herum auf und schmeißen die Fliege heraus. Bis dahin ist es egal. Es sollte immer egal sein finden sie. Sie warten.

Liv Andersson

Frühjahrskurs 2017, Anne Rupp

Stifte sind mein ewiger Begleiter, sind das, was immer für mich da gewesen ist, das, was eine Konstante gebildet hat.
Ich bezeichne mich gerne als jemanden, der nicht von Materiellem abhängig ist, aber ich bin ein Heuchler, denn eigentlich bin ich es sehr wohl.
Ohne Bücher – Notizbücher, sowie solche, die von anderen gefüllt worden sind – und Stifte wäre ich gar nichts; ich wäre nicht ich.
Ich blute Buchstaben, sie verbluten meinen Kopf, verstopfen meine Arterien und nehmen mir die Luft zum Atmen. Ohne Stifte gäbe es nichts, das mir meinen Atem zurück geben könnte, da wäre nichts, was mir helfen könnte, aus diesem Gefängnis aus Worten auszubrechen, einem Gefängnis, das ich selbst errichtet habe.
Worte wirken auf mich wie Sicherheit und Gefahr, sind Logik und Emotionen, Angst und Liebe.
Worte sind das, was mich am Leben hält, die Sätze geben meiner Existenz einen Sinn.
Schade nur, dass alles, was ich denke, schon gedacht, alles, was ich sage, schon gesagt, alles, was ich frage, schon gefragt, und alles, was ich schreibe, schon geschrieben worden ist.
Nichts von dem, was mir durch den Kopf geistert, ist mein geistiges Eigentum.
Mein Verstand ist ein einziges Plagiat.

von Janine Grömmer

Wie angewurzelt bleibe ich stehen, als ich Marc's Stimme durch die Flure hallen höre, während sich Sorge in mir ausbreitet.
Wann habe ich ihn das letzte Mal so außer sich erlebt?
Ich weiß es nicht.
Er ist eine ruhige, bedachte Person, sodass man ihn für träge halten kann, wenn man ihn nicht kennt, das weiß ich erster Hand. Ihn jetzt so brüllen zu hören, sorgt für ein mulmiges Gefühl in meiner Magengrube. Es muss etwas vorgefallen sein.
Ich gehe wieder los, schneller diesmal, während ich versuche, auszumachen, woher die Geräuschkulisse kommt.
Da biege ich um eine Ecke und muss abrupt abbremsen, um nicht in Marc's Rücken zu krachen. Seine Schultern beben sichtlich, während er versuchen zu scheint, die Fassung wiederzuerlangen, und nicht zum ersten Mal fällt mir auf, wie riesig er ist. Mit Leichtigkeit könnte er mich umrennen, ebenso wie Tarek, der gelassen an einer Wand lehnt und sein Kaugummi mit einem lauten Knall platzen lässt.
Erschrocken fahre ich zusammen, doch noch hat mich keiner von ihnen bemerkt.
Bevor ich jedoch den Mund aufmachen und auf mich aufmerksam machen kann, höre ich Tarek beinahe gelangweilt fragen:
„Was ist eigentlich dein Problem, Mann? Du bekommst die Knete schon bald. Aber meine Alte lässt halt im Moment nichts springen."
Geld? Wofür? Hat Tarek sich etwas geliehen, oder will sich Marc etwas leihen?

Das erneute Platzen des Kaugummis lässt mich aus meinen Gedanken auffahren.
Ich kann Marc Luft holen hören, doch er erwidert nichts und schüttelt nur seinen massigen Kopf.
„Was ist? Hat dir meine äußerst schlagfertige Argumentation etwa die Sprache verschlagen?", witzelt er, die Stimme merkwürdig verstellt, so als würde er hoch gestochen sprechen.
Ich kann nicht fassen, dass er so mit seinem besten und nebenbei bemerkt, einzigen Freund, umspringt. Sonst sind sie Pech und Schwefel, nichts hat sie bisher auseinander bringen können. Nie habe ich sie streiten hören.
Während ich wie betäubt am Rande wahrnehme, dass Marc etwas erwidert, merkte ich, dass ich schwanke.
Das ist es, was mir am Meisten Angst macht.
Hastig stelle ich meine Tasche ab und lehne mich an die Wand, überzeugt, keinen Augenblick länger eigenständig stehen zu können. Die beiden sind wie Brüder für mich, eine wichtige, ja notwendige, Konstante von der ich nun das Gefühl habe, dass sie gar nicht so stabil ist, wie sie aussieht. Es käme mir nie in den Sinn, etwas vor ihnen zu verheimlichen und ich habe bis eben angenommen, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Doch offensichtlich habe ich mich getäuscht.
Immer noch unsicher auf den Beinen, stoße ich mich von der Wand ab und öffne den Mund, um die Beiden Streithähne zu trennen, als mich Marc's Worte erneut innehalten lassen:
„Du verstehst das nicht. Ich brauche es jetzt! Sofort! Ich kann das nicht länger mit mir herumtragen!", brüllt er beinahe verzweifelt und macht einen Schritt auf den schlaksigeren, aber ebenso hochgewachsenen Tarek zu.
Das? Was meint er damit? Warum ist er so verzweifelt? Wenn man etwas loswerden will, braucht man es doch bloß in den nächstgelegenen Mülleimer zu werfen. Wofür dann das Geld und dieses Theater? Das gefährdet doch bloß ihre Freundschaft.

Tarek scheint ebenso überrascht und stößt sich von der Wand ab. Seine Bewegungen sind immer noch entspannt und provozierend langsam, doch seine Augen verraten ihn. Das graue Augenpaar mustert Marc mit neuem Argwohn und sie wirken stählern und hart, während er darauf achtet, den Rücken frei zu haben.
„Ich sagte es doch schon. Ich habe nichts. Keinen jämmerlichen Penny. Außerdem: Von nichts kommt nichts."
Entsetzt stelle ich fest, das Tarek nicht im Geringsten versucht, seinen Freund zu beschwichtigen. Stattdessen provoziert er ihn nur noch mehr.
Er will ihn aus seinem Schneckenhaus locken.
, schießt es mir durch den Kopf und ich beruhige mich ein wenig.
Diese Methode von ihm kenne ich bereits. Bei Marc mit der Tür ins Haus zu fallen bringt ungefähr so viel, als wolle man mit bloßen Händen einen Berg zertrümmern. Also will er ihn provozieren, damit er erzählt, was das wirkliche Problem ist.
Dafür kann ich ihn nur bewundern. Tarek ist nicht dumm, er weiß ganz genau, wie gefährlich das ist, und trotzdem tut er es, alles seinem Freund zuliebe. In dem Moment, als ich das begreife, merke ich, dass die Freundschaft noch nicht im Entferntesten davor steht, auseinander zu fallen. Zumindest, wenn Tarek, seine Bemühungen nicht verringert. Es ist nicht so, dass er nur nach Marc's Pfeife tanzt, ihm Gegenteil, er vertritt sehr deutlich seine Meinung, doch er weiß genau, dass er die Freundschaft behalten will, kennt seine diesbezüglichen Grenzen und ist bereit, alles zu tun, um die Freundschaft zu erhalten. Ohne dabei seine Grenzen zu überschreiten oder seinen Willen brechen zu lassen.
Während ich ihn so dabei beobachte, komme ich mir als Freundin ziemlich nutzlos und überflüssig vor.
Es ist deprimierend, zu merken, dass man selbst nicht so weit gehen würde, wie andere es tun.
Doch was sind meine Grenzen? Wie weit bin ich bereit zu gehen? Wo ist für mich Schluss? Was ist mir wichtig, worauf kann ich anderen zuliebe verzichten? Würde ich mich selbst einer solchen Gefahr aussetzen?
Marc's barsche Erwiderung reißt mich aus meinen Selbstzweifeln.
„Was willst du?"
Tarek verschränkt die Arme und sein Mund verzieht sich zu einem amüsierten Lächeln, während er das Gewicht verlagert und sein Kaugummi ein drittes Mal platzen lässt.
„Wissen, was los ist, vielleicht?"
Er hat es wie einen Scherz ausgesprochen, doch Marc und ich wissen beide, dass er es todernst meint.
Wichtige Dinge sagt man am Besten im Spaß.
, erinnere ich mich an einen altklugen Spruch auf einem von Dutzenden Kalendern meiner älteren Schwester.
Widerwillig muss ich mir eingestehen, dass das mehr Wirkung zeigt, als ich erwartet habe. Ich habe nämlich mit keiner Reaktion oder einem Schlag ins Gesicht gerechnet.
Doch zu meiner Überraschung zögert Marc kurz, seufzt und fährt sich durch die braunen Haare.
„Ich kann nicht."
Unglücklich lässt er die Schultern hängen.
Die Gesichtszüge seines Gegenübers werden hart.
„Und ob du das kannst. Bevor ich dir Geld gebe, will ich wissen, wohin es flöten gehen soll. Ich sehe es nicht ein, für dich für Spaß mit Mädchen oder Drogen zu blechen. Ich werde dich bestimmt nicht an irgend so einen Bullen verraten, doch ich will wissen, ob ich die Kohle je wieder sehen werde."
Genau das meinte ich damit, dass er seine Meinung deutlich vertritt.
Gespannt verfolge ich das Gespräch, denn ich will sie jetzt um keinen Preis unterbrechen. Ich versuche mir einzureden, dass das ihre eigene Angelegenheit ist, weiß jedoch insgeheim, dass ich fürchte, dass sie mir sonst nie erzählen werden, was das eigentliche Problem ist. Wieder beunruhigt mich dieses Gefühl der Unwissenheit, doch ich versuche es zu verdrängen.
Ich werde sie beide später darauf ansprechen.
, nehme ich mir vor.
Einen Augenblick höre ich nur meinen eigenen Atem, bis Marc sagt:
„Na schön."
Er zieht das T-Shirt über den Kopf und ich kann gerade noch ein entsetztes Keuchen unterdrücken. Ich fürchte schon, dass er Tarek windelweich prügeln will und weiche automatisch einen Schritt zurück, was der Schlaksige ebenfalls tut, während ich an die Jungen denken muss, die schon vor Marc aus gutem Grund einen Rückzieher gemacht haben.
Wird Tarek genauso enden? Mit gebrochener Nase, geprellten Rippen und einem Veilchen? Was soll ich dann nur tun? Ich kann ihn unmöglich aufhalten. Niemand ist mehr auf dem Flur, also kann ich auch keine Hilfe holen. Wie soll ich Marc je wieder begegnen? Was wird er mir als Erklärung liefern? Kann ich das den Eltern von Tarek erklären? Oder den Lehrern? Wenn ja, wie?

Meine Sorge bleibt unbegründet, denn Marc wirft das Shirt unter meinem argwöhnischen Blick auf den Boden. Als ich sehe, dass er den Kopf wendet, verstecke ich mich hastig hinter der Ecke.
Wie eine Verbrecherin. Wieso verkrieche ich mich? Will ich mich den Beiden nicht stellen, oder ist es etwas anderes? Was werden sie denken, wenn sie mich hier lauschen sehen?

Angstvoll warte ich, doch alles, was ich höre, ist mein rauschendes Blut, den rasenden Puls und ein merkwürdig ratschendes Geräusch, so als reiße Marc sein Oberteil entzwei.
Vorsichtig wage ich wieder einen Blick um die Ecke und erblasse. Marc hat den Kopf gesenkt, in der Hand einen hautfarbenen Fetzen, der bisher verborgen hat, was ich sehe.
Dann wendet er Tarek den Rücken zu, sein Blick immer noch auf den Boden gerichtet, sodass er mich nicht sieht. Ich sehe seine Reaktion als Spiegel für mein eigenes Gesicht.
Was ist das? Wer tut so etwas? Warum? Wieso? Weshalb? Freiwillig? Erzwungen?

Mehr an zusammenhängenden Gedanken bekomme ich nicht zustande, vor Grauen wie gelähmt.
Auf seiner Schulter prangt ein schlecht gestochenes, schiefes Tattoo, das dadurch paradoxerweise noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Ganz bestimmt nicht von jemandem aus dem Tattoo Studio. Wie barbarisch. Wie lange trägt er das schon mit sich herum? Wie konnte er das überhaupt ertragen? Warum hat er nie etwas gesagt? Wir hätten ihn doch schon so viel früher unterstützen können!

Doch schon jetzt weiß ich, dass er unsere Hilfe nie in Anspruch genommen hätte, bevor er bereit dazu ist.
Oder ein gebrochener Mann.
Ich sehe, wie ihm stumme Tränen die Wangen hinablaufen und er bebt, weil er versucht, laute Schluchzer zu unterdrücken.
Und ich kann es ihm nicht verdenken.
Vier Wörter sind es, die dort stehen und sie haben sich in mein Gedächtnis gebrannt.
Your virginity is mine.

Darunter ein Smiley mit einem bösartigen Lächeln und etwas, das wie Zähne aussieht.
„Ich besorge dir das Geld, keine Sorge, Mann.", sagte Tarek leise, seine Stimme ist belegt.
Ich nehme meine Tasche, wende mich ab und renne den Gang hinunter.
Ich hasse mich dafür und kann es trotzdem nicht. Eigentlich will ich zu ihm gehen und ihn aufbauen, egal, ob ich gelauscht habe. Eigentlich will ich mein Geld dazulegen. Eigentlich will ich es ihm leichter machen, wenn es auch wohl kaum weniger schmerzhaft dadurch ist. Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen, in meinen Augen sammeln sich Tränen, ich kann kaum noch laufen und ich will laut schreien, so sehr will ich ihn unterstützen.
Die Erkenntnis lähmt mich. Zuerst fühle ich unbeschreibliches Mitgefühl.
Der Arme. Es muss ihn gebrochen haben. Diese Demütigung übersteht niemand unbeschadet. Es ist ein Wunder, dass er überhaupt noch klar denken kann. Ich könnte es vermutlich nicht. Und wer weiß, wie lange er mit dieser Last, dieser Angst und diesem Gefühl der Machtlosigkeit nun schon herumgelaufen ist. Es muss ihn förmlich zerrissen haben, nichts zu sagen. Warum er es jetzt wohl getan hat? Hat der- oder diejenige ihm nicht gedroht? Womit wohl? Ist ihm etwa egal was von nun an mit ihm geschieht?

Dann spüre ich Entsetzen, was jedoch beinahe vollkommen von Entschlossenheit überdeckt wird.
Wie kann jemand das einem anderen nur antun? Um sich stark zu fühlen? Um den anderen leiden zu sehen? Um einmal im Leben 'Erfolg' zu haben? Um Rache gegen eine dritte Person auszuüben? Für ein weiteres Hintertürchen für den Notfall? Als Druckmittel?

Eines weiß ich, während ich die immer noch leeren Gänge entlangstürme;
ich werde ihn finden und zur Rechenschaft ziehen. Was es auch kosten mag. Zumindest das bin ich Marc schuldig. Er wird bezahlen.
Auch wenn mir das im Moment weniger wichtig vorkommt, als Marc zur Seite zu stehen, schließlich wird er Verantwortliche nicht weglaufen. Trotzdem kann ich Marc nicht in die Augen sehen. Denn ich kenne den Täter. Das wird mir in dem Moment klar, in dem ich die Tätowierung sehe. Nein, ich kann nicht, dafür schäme ich mich viel zu sehr.
Wie kann ich ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn ich genau weiß, wer der grausame Täter ist und ich trotzdem nichts unternehme?
Wenn ich weiß, dass der Täter mein eigener Vater ist?

19. Februar 2017 / Herbstkurs 2015
von Janine Grömmer

Heute war er.
Heute war der Tag, an dem sich alles entscheiden würde.
Heute war sein Name gezogen worden.
Er hatte wie jeder andere diesen auf ein Stück Papier geschrieben und es, genau wie alle anderen, bei dem Anführer abgeben.
Und jetzt schallte er durch den Wald, wieder und wieder, wie ein unheimliches Echo aus einer vergangenen Zeit.
Einen Moment hielten alle Menschen inne, horchten auf den Namen, doch schon nach dem zweiten Mal widmeten sie sich wieder ihren Gesprächen und setzten ihren Marsch fort. Es war zum Alltag geworden, doch natürlich gab es Menschen, die dieser Tag nicht so sehr reizte und solche, die förmlich darauf brannten. Er selbst gehörte zu letzteren.
Als auch andere anfingen, ihn zu rufen, trat er also ohne jede Scheu vor und antwortete:
"Das bin ich."
Diejenigen, die ihn gehört hatten, verstummten, die meisten schenkten ihm nur einen flüchtigen Blick, nahmen aber sonst kaum Notiz von ihm. So dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis er sich durch die Menschenmenge erfolgreich zu der Quelle der Stimme vorgearbeitet hatte.
Es war eine junge Frau mit langem, blonden Haar und blauen Augen. Obwohl sie nicht sonderlich groß war, musste er zu ihr aufblicken, um ihr ins Gesicht zu schauen und das hasste er. Wie sie immer alle auf ihn herabsahen, wie er nie einen zweiten Blick wert war.
Doch das würde sich heute ändern.
"Ich bin hier und bereit.", unterbrach er sie, als sie ihren Mund zu einem neuen Ruf öffnete.
Als die Frau ihn erblickte, schloss sie ihren Mund und musterte ihn. Im Gegensatz zu den anderen Menschen blickte sie ihm direkt in die Augen und ignorierte seine geringe Größe. Auch beugte sie sich nicht zu ihm herab, um ihm den Kopf zu tätscheln und ihn auf ein andermal zu vertrösten. Eine Weile schien sie etwas in seinen Augen zu suchen, doch er hielt ihrem Blick beinahe trotzig stand.
"Dein Name lautet also Fynn.", sagte sie schließlich.
Es war eine Feststellung, doch er nickte trotzdem.
"Und du bist...?", fragte Fynn neugierig, denn er hatte sie noch nie gesehen.
Aber offensichtlich würde sie an dem, was gleich folgen würde, teilnehmen, also wollte er zumindest ihren Namen kennen.
"Emilia."
Eine Pause entstand, dann fragte die junge Frau ruhig:
"Trägst du eine Waffe, Fynn?"
Dieser stutzte, nickte aber erneut.
"Was für eine?"
Emilia ließ sich nicht anmerken, was sie davon hielt, dass er ein Werkzeug besaß, mit dem er töten konnte.
"Einen Dolch."
Fynn gab sich alle Mühe, nicht eingeschüchtert zu klingen, denn er hatte es endgültig satt, sich immer vor den Erwachsenen ducken zu müssen.
Nicht ohne Stolz zog er die spitz zulaufende, pechschwarze Klinge aus einer ledernen Scheide, die unter seinem Mantel mit einem Riemen auf Brusthöhe befestigt war.
Ihre blauen Augen musterten das Messer nachdenklich, dann sagte sie:
"Du willst anfangen, habe ich Recht?"
Er nickte.
Emilia drehte sich um und stieg auf das schneeweiße Pferd, an dem sie die ganze Zeit gelehnt hatte, drehte sich zu ihm um und bedeutete ihm, aufzusteigen.
Fynn steckte seine Waffe wieder ein und tat sich schwer mit dieser Aufforderung, war aber gleichzeitig dankbar, dass sie ihm keine Hilfe anbot. Hinter ihr setzte er sich in auf den warmen Rücken des Rosses. Als das Pferd losging, klammerte er sich erschrocken an ihrem Mantel fest, denn er saß das erste Mal auf einem Solchen und wollte nicht gleich einen schlechten Eindruck hinterlassen, indem er herunterfiel.
Sie versteifte sich für einen Moment und erst da dachte er darüber nach, dass er so wahrscheinlich den gleichen Effekt erzielte, doch sie gab ihrem Pferd die Sporen, ohne einen abfälligen Kommentar abzugeben.
Lange ritten sie nicht, doch es reichte, dass er die anderen Menschen, die gerade irgendwo weitergehen mussten, nicht mehr hören oder sehen konnten. Sobald das Pferd hielt, sprang er von ihm herab, wollte endlich loslegen.
Emilia folgte ihm etwas langsamer und ignorierte die helfende Hand, die ihr dargeboten wurde.
Jetzt erst merkte Fynn, dass sie nicht alleine waren.
Der Typ, der ihr die Hand hingehalten hatte und sie jetzt schulterzuckend zurückzog, war hochgewachsen und schlank, mit braunen Augen und ebensolchem Haar. Etwas abseits standen der Anführer und sein Schatten, der ihm nie von der Seite wich, der immer in einen Mantel trug und von dem niemand wusste, ob er ein Mann oder doch eine Frau war.
Insgeheim nannte Fynn ihn -oder sie- Shadow.
"Warum hast du diesen Bengel mitgebracht? Ich dachte, heute wird ein weiterer Test durchgeführt?"
Missbilligend musterte der Braunhaarige den Jungen und dieser konnte ihn auf Anhieb nicht leiden.
"Mein Name ist Fynn. Ich wurde vorhin von Emilia aufgerufen und bin bereit."
Ihn beunruhigte es, dass er das hier Test  nannte, doch er versuchte, sich davon nichts anmerken zu lassen.
"Lasst uns anfangen.", forderte Shadow, als der Andere etwas erwidern wollte.
Als alle nickten, schnaubte er und sagte:
"Ohne mich. Bei Versuchen mit Kindern bin ich raus."
Beinahe sofort war er lautlos verschwunden.
Einen Herzschlag sah Emilia ihm nach, dann schüttelte sie beinahe unmerklich den Kopf und wandte sich wieder ihm zu, bevor ein peinliches Schweigen entstehen konnte.
Doch Fynn war nicht in Lage, sich zu verkneifen:
"Was meint er mit >Test<? Ich dachte, jetzt würde ich mich endlich verwandeln können. Wieso muss ich als Testobjekt herhalten?"
"Ach, hör nicht auf Henry. Der ist bloß mit dem falschen Fuß aufgestanden. Natürlich wirst du dich jetzt verwandeln. An welches Tier hattest du denn gedacht?", fragte der Anführer
"Gepard.", kam es wie aus der Pistole geschossen von dem Gefragten.
"Eine..., ungewöhnliche Wahl für jemanden wie dich.", sagte der Anführer lahm.
Fynn antwortete nichts, denn er wusste nicht, ob das, was er sonst erwidern würde, angemessen wäre.
Gelassen lehnte sich Emilia sich an eine Kiefer und wie auf ein unsichtbares Zeichen, trat Shadow näher, nahm die Zügel des Schimmels und führte es fort.
"Fang an.", sagte sie und sah ihn abwartend an.
Er starrte verwundert zurück.
"Wie geht das denn? Müsst ihr nicht zuerst eine Barriere aufheben oder so etwas?"
Sie lächelte und er wurde rot vor Scham. Schon wieder behandelten sie ihn wie einen Grünschnabel. Diesmal jedoch, hatte er es sich selbst zuzuschulden.
"Das ist ein von Shadow inszeniertes Gerücht. Nicht, dass jemand, der darauf brennt, es vor seiner Zeit und unbeaufsichtigt ausprobiert."
Damit hatte sie nicht einmal ihn gemeint, doch Fynn fühlte sich irgendwie ertappt.
"Was muss ich tun?", fragte er dennoch und die Aufregung packte ihn.
"Du musst dir vorstellen, ein Gepard zu sein. Mit Leib und Seele. Aber du musst dir gleichzeitig bewusst sein, dass es wirklich passieren wird und nicht bloß deiner Fantasie entspringt. Am besten stellst du dir vor, du schlüpfst in ein Kostüm.", antworte Shadow, der inzwischen wieder zurückgekehrt war.
"Du musst es wirklich wollen und dir aller Vorteile und Konsequenzen bewusst sein. Und noch etwas: Seine Seele mit dem Tierreich zu verbinden, um ein Tiermensch zu werden, mag etwas Außergewöhnliches sein, hat jedoch nichts mit Magie zu tun."
Fynn nickte verstehend und begann.
Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie er schneller als der Wind rannte, das kurze Fell eng an den schlanken Körper gepresst, wie er sich geschickt durch die Reihen der Feinde schlängelte und sie kampfunfähig machte, bevor sie auch nur reagieren konnten.
Einen Moment dachte er noch daran, dass er sich jetzt nicht mehr von den anderen Jungen würde herumschubsen lassen müssen, bloß, weil er anders war als sie, dann wurde es selbst hinter seinen Augen gleißend hell.

Als Fynn wach wurde, bemerkte er als Erstes, dass er splitterfasernackt war.
Als Zweites, dass man ihn in einen Mantel gewickelt hatte.
Der Junge schlug die Augen auf.
Was war schief gelaufen? Wieso war er kein Gepard? Warum hatte er das Bewusstsein verloren? Für wie lange?
Plötzlich hörte er leise Stimmen.
"...ungewöhnlich. Wie sollen wir es ihm beibringen?"
Das war Shadow.
"Das ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Ich schlage vor, du holst Henry und seine Utensilien. Ich werde in der Zwischenzeit mit Fynn reden.", entgegnete Emilia, ruhig wie immer.
"Er ist wach.", unterbrach der Anführer die Beiden.
Mit einem Mal traten sie wieder in sein Blickfeld, wobei ihn Shadow nur kurz betrachtete, und dann ohne ein weiteres Wort verschwand.
Beunruhigt fragte dieser:
"Was hat das zu bedeuten? Warum hat es nicht geklappt? Habe ich etwas falsch gemacht?"
Etwas ungelenk setzte sich Emilia neben ihn, während sich Fynn hastig aufsetzte, den Mantel fest umklammert.
"Du hast nichts falsch gemacht.", erwiderte sie kopfschüttelnd.
Es schien sie nicht zu stören, dass sie ihm ohne ihren Mantel gegenüber saß, während er nur diesen am Leib hatte, obwohl es jetzt anfing zu regnen.
"Manchmal können oder wollen sich die Seelen der Tiere nicht mit einem Menschen vereinen. Das ist zwar selten, aber nicht unmöglich."
"Die Seelen der Tiere?", fragte Fynn neugierig, wobei er die Hoffnung noch nicht aufgegeben hatte.
Eigentlich hatte er noch nicht einmal begriffen, was das nun bedeutete.
Sie nickte.
"Wenn es geklappt hätte, würde man dich trotzdem noch lange nicht an die Front lassen. Mit der ersten Verwandlung schauen wir erst einmal, ob sich jemand überhaupt verwandeln kann. Dabei wird man selbst zu diesem Tier. Wenn einen das nicht abgeschreckt hat, wird man noch einmal aufgerufen und dann wird man gefragt, ob man das wirklich will. Wenn du zum Beispiel diese Frage bejahen und dich zum zweiten Mal verwandeln würdest, würde dir das Tierreich eine verstorbene Tierseele zuweisen, die durch dich wieder leben könnte. Erst, wenn ihr unter euch ausgemacht habt, ob ihr zusammenarbeitet oder einer von euch stirbt, wärst du kampffähig."
"Einer von uns würde sterben?", fragte Fynn ungläubig.
"Das muss nicht sein, passiert aber ziemlich häufig. Doch..."
Emilia zögerte.
"Doch du bist leider bereits an Phase eins gescheitert."
Es fühlte sich an, als hätte man eiskaltes Wasser über ihm ausgeschüttet.
"Was?"
"Es tut mir leid, dass zu sagen, doch du kannst kein Tiermensch werden."
"Aber... Kann ich es nicht noch einmal versuchen?", fragte Fynn nach einer Weile verzweifelt.
Heftig widersprach sie.
"Versuch es bloß nicht! Wenn du unerlaubt erneut versuchst, in die Welt der Seelen der verstorbenen Tiere einzudringen, wirst du nicht zurückkommen."
Überrascht von ihrem Ausbruch hielt er inne.
"Reich mir mal deinen Dolch, Junge.", forderte Henry ihn auf, der wie aus dem Nichts plötzlich vor ihm stand.
Der Angesprochene fuhr erschrocken zusammen und legte den Kopf in den Nacken, um zu dem Mann aufzusehen.
Fynn suchte im Schlamm nach der Waffe und als er sie schließlich fand, reichte er sie nur widerstrebend weiter.
Wortlos nahm er den Dolch entgegen und wandte sich ab.
Eigentlich wollte Fynn protestieren, doch er schloss den Mund wieder und sagte sich, dass er sich nicht so anzustellen bräuchte.
"Warum wolltest du Gepard werden?", sprach Emilia den Jungen an.
Der zuckte mit den Schultern.
"Ich wollte schnell und wendig sein. Meinen Gegnern immer einen Schritt voraus. Der Blitz auf dem Schlachtfeld. Ich wollte die Katastrophen verhindern, bevor sie eintreffen. Und wenn ich dafür töten müsste."
Die Blonde hörte interessiert zu und nickte schließlich.
"Das kann ich verstehen, dass ist ein sehr ehrenwerter Grund. Ich möchte dir als kleinen Trost ein Geschenk geben."
Henry kehrte mit dem Dolch zurück und gab ihn Fynn, der überrascht über die neue Scheide aus schwarzem Leder war, jedoch auch etwas irritiert.
Wie sollte ihn das trösten?
"Ich habe die Leistung des Dolches erhöht. Er wird dir sicherlich noch gute Dienste leisten."
Fynn schwieg.
"Du musst kein Gepard sein, um schnell zu sein. Und auch nicht, um schneller als die Katastrophe zu sein. Wir haben jetzt deine Krallen geschärft und wenn du ein andermal zu mir kommst, werde ich dir zeigen, wie du schneller als die Katastrophen sein kannst."
Er erwiderte nichts, als er den Mantel zuknöpfte und aufstand.
"Ich werde es mir überlegen.", sagte Fynn, schon abgewandt von den vier Menschen, denen er wahrscheinlich am meisten Respekt zollen müsste.
Doch er hatte es so satt.
Hatte es satt, immer zu den ach so schlauen Erwachsenen aufzusehen, von ihnen nur belächelt oder vertröstet zu werden. Mit diesem Tag hatte er gehofft, dass sich endlich etwas ändern würde. Doch letztendlich war er immer noch so schwach und hilflos wie zuvor. Von jetzt an würde er für immer als Versager gelten, der kein Tiermensch werden konnte. Sie würden weiter auf ihn einhacken. Für den Rest seines Lebens.
Obwohl, nein! Jetzt hatte er schärfere Krallen.
So schnell er konnte, rannte er den Weg, den er gekommen war zurück, den Dolchgriff fest umklammert und die Rufe des Anführers ignorierend.
Aber bevor er auch nur aus dem Blickfeld dieses verschwunden war, hörte er ein knappes Wort und blieb abrupt stehen.
"Bleib."
Es war Emilia.
Fynn drehte sich nicht um, als er fragte:
"Warum sollte ich? Wieder einmal wurde ich nur auf später vertröstet. Erwartet ihr, dass ich mich höflich bei euch bedanke, nachdem ihr das einzige, was ich mehr als alles andere wollte, mir unmöglich gemacht habt? Und nachdem ihr das einzige, was ich noch von meinen Eltern habe, verändern und beschmutzen musstet?"
"Du willst doch diejenigen beschützen, die dir etwas bedeuten, nicht wahr? Damit niemandem dasselbe wie dir passiert?"
Der Junge wirbelte herum.
"Wer bist du?", fragte er, plötzlich misstrauisch.
Die junge Frau lächelte, es wirkte müde, aber ehrlich.
Sie hob die Hände, immer noch auf den Knien im Schlamm sitzend.
"Wer ich bin... Emilia. Die Liebe eines jungen Mannes. Sturm auf dem Schlachtfeld. Schlüssel der Prophezeiung. Der schwarze Puma. Hoffnungsträgerin. Lebensretterin. Magierin. Eine Freundin. Jemand, der dich versteht. Auch die Wut, die Trauer, die Enttäuschung und dieses Gefühl der Ohnmacht.
Trotzdem gibt es aber auch das Gefühl der Liebe, der Freunde und vollkommene Glückseligkeit. Ich habe das nicht nur so daher gesagt. Ich kann es dir wirklich zeigen. Willst du, dass ich das jetzt tue?"
Fynn erwiderte nichts, trat aber dennoch unsicher auf sie zu.
Natürlich wollte er. Nichts mehr als das. Aber was konnte er ihr schon zeigen? Wie konnte sie schon verstehen, was er fühlte?
Inzwischen war er bei ihr angekommen und genoss es aus vollen Zügen, mit ihr auf einer Augenhöhe und sogar ein Stück größer zu sein, als sie.
Emilia griff mit den Händen nach seinem Kopf, hielt dann aber inne und fragte:
"Darf ich?"
Mit widersprüchlichen Gefühlen nickte er schließlich.
Kaum, dass die sanften Fingerspitzen seine Schläfen berührten, verschwand ihr Gesicht vor seinen Augen und es tauchten stattdessen die seiner Eltern davor auf.
Erinnerungen an längst vergangene Zeiten durchfluteten ihn. Seine Eltern, wie sie lachten, lächelten, ihn durch die Luft wirbelten und ihn fest umarmten. Der Geruch Mutters unverwechselbaren Haares stieg ihm in die Nase und er spürte die Tränen in sich aufsteigen.
Plötzlich drückte ihn sein Vater fester und sie sagten:
"Wir lieben dich Fynn. Genauso wie du bist. Finde deinen Weg, Hauptsache du bleibst du selbst. Auch wenn wir nicht immer neben dir stehen werden, werden wir doch immer da sein, um dich zu unterstützen. Vergiss das niemals."
Bevor er etwas erwidern konnte, erschien wieder das Gesicht Emilias vor ihm.
"Was hast du mit mir gemacht?" fragte er, versuchte wütend zu klingen und scheiterte kläglich.
Es klang eher verzweifelt und ungläubig.
Entschlossen entriss er ihr sein tränenüberströmtes Gesicht und zog seinen Dolch.
Sie schwieg.
"Was hast du getan? Los, sag schon!", forderte er, diesmal klang es tatsächlich wütender.
"Ich habe dir lediglich gezeigt, wie sehr deine Eltern dich liebten."
"Wozu denn? Das weiß ich schon selbst!"
"Du willst nicht, dass andere ebenfalls ihre Liebsten verlieren? Dann tue alles dafür, um deine Ideale umzusetzen! Nur so kannst du du bleiben. Die anderen fühlen sich unwohl, weil sie instinktiv spüren können, dass du ein Ziel vor Augen hast. Deshalb sind sie so beunruhigt. Doch das sollte dich nicht aufhalten. Kämpfe für das, woran du glaubst, gehe immer weiter und behalte immer dein Bestreben im Auge. Das kannst du auch, ohne ein Gepard zu sein. Sei flink, geschickt, schnell und unnachgiebig wie der Wind. Natürlich kannst du jederzeit zu mir kommen, wenn du reden möchtest, aber ich denke, das weißt du schon längst."
Überrascht schwieg Fynn.
"Kann ich dich noch etwas fragen, Emilia?", murmelte der Junge nach einer Weile.
"Sicher."
"Hast du jemanden, der immer an deiner Seite ist und einen Grund, für den du kämpfst?"
Ihr Blick wurde weicher.
"Ja, ich habe meine Familie, für die ich diesen Kampf so schnell wie möglich beenden will, um zu ihnen zurückzukehren. Außerdem, jeder hier, ist derjenige, der immer an meiner Seite sein wird und auf den ich mich verlassen kann, egal, wo ich gerade bin."
Einen letzten Test wollte Fynn dennoch machen.
Ohne jede Vorwarnung stieß er mit seinem Dolch zu. In dem Moment geschah einiges gleichzeitig.
Ein Knistern entstand um Emilia herum, und eine schimmernde Schutzschicht bildete sich um ihren ganzen Körper, sodass die schwarze Klinge ein Haarbreit vor ihrem Bauch stoppte.
Im gleichen Moment stürzten der Anführer, Shadow und Henry vor, um ihn entsetzt von Emilia wegzureißen.
Sofort ließ er kapitulierend den Dolch fallen, lächelte und war sonderbarerweise nicht überrascht, dass Emilias Lächeln für keinen Augenblick verschwunden war.
Sie hatte Recht behalten, ihn nicht belogen. Sie war die Einzige, die im wirklich in die Augen sah, wenn sie mit ihm sprach und ihn vollkommen ernst nahm.
Nun beschloss er, sich ihre Worte zu Herzen zu nehmen.
"Lasst ihn los.", forderte Emilia gelassen lächelnd.
Äußerst widerstrebend taten die Drei wie geheißen.
Fynn nahm wieder seinen Dolch an sich und steckte ihn in seine Scheide.
Zufrieden wandte er sich zum Gehen, hielt aber dann einen Moment inne und sagte:
"Danke, Lebensretterin. Ich werde nicht nur so schnell sein, wie der Wind, sondern schneller. Um mir selbst treu zu bleiben, um meine Eltern stolz auf mich zu machen und die zu beschützen, die mir wichtig sind. Und zu denen gehörst von nun an auch du."

1. Oktober 2016 / Herbstkurs 2015
von Janine Grömmer

Trägst du eine Maske?
Das frage ich mich immer wieder.
Du lächelst mich an.
Ist es echt?
Ich weiß es nicht.
"Du bist lustig!", sagst du und musst kichern.
Sagst du die Wahrheit oder ist das eine Lüge?
Menschen sind verlogen, allesamt, warum also nicht auch du?
Ich meine, ich bin es auch, sonst würde ich jetzt ganz gewiss nicht zurücklächeln und sagen:
"Mag sein, aber du bist diejenige, die mich überhaupt auf diese Ideen bringt.", sondern würde dich fragen, ob das hier Lüge oder Wahrheit ist.
Stattdessen grinse ich.
"Weißt du was? Wir sollten uns einmal treffen, du und ich, bei mir zuhause. Was meinst du? Das würde sicherlich Spaß machen!"
Ich nicke bei deinen Worten, obwohl mir gar nicht danach zumute ist und grinse erneut.
"Heute habe ich Zeit, wenn's Recht ist. Und wenn der Rest deiner Familie auch so verrückt ist..."
Mein Grinsen wir breiter, während ich den Satz unbeendet in der Luft schweben lasse.
"Hey!"
Gespielt böse boxt du mich in die Seite und ich hebe kapitulierend die Hände, ohne das Grinsen von meinem Gesicht zu nehmen, statt dich zu ohrfeigen, weil du eine ohnehin schon verletzte Rippe getroffen hast.
"Was denn? Das ist doch die Wahrheit!", verteidige ich mich.
Ist es das?
Du rollst mit den Augen.
"Egal jetzt. Komm, Joker, die Lehrerin ist da."
Joker?
Nennst du mich so, weil du mich für so witzig wie einen Komiker hältst oder weil ich in deinen Augen für Alles und Nichts stehe, wie ein Joker in einem Kartenspiel?
Die Frage brennt mir unter den Nägeln, doch ich stelle sie nicht, sondern rolle meinerseits mit den Augen und stolziere an dir vorbei auf meinen Sitzplatz am Fenster zu.
Gedankenverloren starre ich hinaus, ohne auf das gleichmäßige Auf und Ab der Stimme der Lehrerin zu achten.
Ich würde mich mit dir treffen. Vielleicht sogar noch heute.
Wirst du mir zeigen, wie du wirklich bist, oder wirst du mir etwas vormachen? Ist das, was du mir jetzt zeigst, vielleicht sogar die Wahrheit und ich schätze dich völlig falsch ein? Kann ich dich überhaupt einschätzen oder muss ich lediglich auf das vertrauen, was meine Sinne wahrnehmen?
Mir wird beinahe übel, so sehr schlagen mir diese Fragen auf den Magen, der sich vor lauter Ungewissheit zusammenzieht. Und dennoch wage ich es nicht, dich darauf anzusprechen.
Was würdest du denn dann von mir halten? Würdest du mich als seltsam abstempeln, oder würdest du von nun an ehrlich zu mir sein? Bist du jemand, der das, was ich dir sage, als Geheimnis wahren kann oder würdest du die Dinge weitersagen, die ich dir anvertraue? Würden alle einen Bogen um mich machen, sobald du ihnen davon erzählst oder würden sie dich als Petze bezeichnen und meiden? Was soll ich nur tun?
Ich werde dich besuchen, beschließe ich nach längerem Überlegen, und werde dir größtenteils das Wort lassen. Je mehr du erzählst, desto besser kann ich dich einschätzen und verstehen, hoffe ich.
Seufzend versuche ich der Lehrerin zu lauschen und bemerke, dass sie uns einen Vortrag über Winkelfunktionen hält.
Ich runzele die Stirn.
Hatten wir das nicht bereits? Hat sie es vergessen oder holt sie es für diejenigen nach, die beim ersten Mal nicht zugehört haben? Liegt ihr überhaupt etwas daran, uns diese Dinge beizubringen oder ist sie bei den Gedanken nur bei dem Lohn, mit dem sie dann ihre Wünsche finanzieren kann? Ist es ihr völlig gleichgültig, ob wir ihr zuhören oder sieht sie einfach keine andere Möglichkeit mehr, diese Informationen in unserem Gedächtnis zu verankern, als das schon Gesagte immer und immer wieder zu wiederholen? Ist die Strenge auf ihrem Gesicht echt, oder eine Maske, damit sie den Respekt und die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Schüler bekommt? Ist hier auch nur einer, der so ist, wie er zu sein scheint?
Das Klingeln, das den Unterricht beendet, ist wie das Ende einer Folter, zumindest für die Meisten hier, denn sie wachen mit einem Ruck aus ihrem tranceartigen Zustand auf. Für mich ist es wie eine Ankündigung des Ungewissen und eine Unterbrechung meiner Gedanken, jedoch lasse ich mir nichts davon anmerken, sondern packe wie immer nach Unterrichtsschluss meine Schulsachen.
Währenddessen merke ich, wie sich in mir der Wunsch ausbreitet, dass du mich vergessen hast, oder wir uns zumindest nicht heute treffen. Denn, wie ich zu meiner eigenen Überraschung feststellen muss, ich habe ein wenig Angst vor dieser Verabredung.
Ich will schon mit dem Rucksack auf der Schulter den Raum verlassen, als deine Stimme mich zurückhält.
"Warte! Ohne mich wirst du das Haus doch gar nicht finden! Kennst du überhaupt meine Adresse?"
Ich halte inne.
Mein Magen krampft sich zusammen.
Kann das normal sein, dass ich so eine Angst vor dieser Verabredung habe?
Einmal tief durchatmend, bevor ich mich umdrehe, setze ich dieses Grinsen wieder in meinem Gesicht und sage:
"Anders kann man dich ja nicht antreiben, du lahme Schnecke!", spotte ich und ein paar Umstehende lachen.
Ist es ein echtes Lachen, oder lachen sie nur, weil sie wissen, dass es alle tun werden und sie mitspielen müssen, um noch zur Gruppe zu gehören? Und stimmt es, was ich da behaupte? Ich kenne dich einfach nicht genug.
"Lahme Schnecke? Na warte, dir zeige ich, wer hier eine lahme Schnecke ist!"
In Windeseile hast du deine Sachen gepackt und rennst auf mich zu, wahrscheinlich, um mich zu fangen.
Dankbar, einen Grund zu haben, mich nicht von dir berühren zu lassen, renne ich lachend fort und du folgst mir.
Wir sprinten durch die Flure, inzwischen lachst auch du, ohne jedoch mit dem Spiel aufzuhören. Erst, als wir am Schultor stehen, bleibst du japsend stehen und auch ich drossele meine Geschwindigkeit. Spöttisch jogge ich einmal um dich herum, kann dich jedoch nicht zu einem weiteren Lauf provozieren, also bleibe ich neben dir stehen.
"Wollen wir jetzt zu dir, lahme Schnecke?"
Du brummst lediglich etwas Unverständliches und trottest in Richtung Bus, ich folge dir grinsend.
Den Weg zu deinem Haus legen wir schweigend zurück, doch ich weiß nicht, ob du nur verstimmt bist, dass ich schneller war als du, oder ob das deine Art ist.
Dabei beobachte ich die Umgebung, präge mir diese und den Weg zu deinem Zuhause gut ein.
So, wie ich es immer tue.
Ich schüttle den Kopf, starre auf meine offene Hand und balle sie entschlossen zur Faust. Diesmal soll und wird es anders werden, nehme ich mir vor.
Ich höre auf, alles um mich herum zu betrachten, vollkommen überzeugt davon, mir es diesen Weg höchstens dadurch zu merken, dass ich ihn so oft benutzen würde, versinke in Gedanken und fange an, leise eine Melodie zu summen.
Irgendwann, ich weiß nicht mehr, wie lange wir schon unterwegs sind, fasst du mich an der Schulter.
Ich fahre erschrocken zusammen und kann mich gerade noch daran hindern, zu einer schallenden Ohrfeige auszuholen, bevor du es bemerkst. Du lächelst, es scheint dich erheitert zu haben, mich zusammenzucken zu sehen.
"Wir sind da. Komm, ich will dir etwas zeigen!"
Das du dabei nur so vor Freude hüpfst, trägt nicht gerade dazu bei, mich zu beruhigen. Warum bloß? Könnte ich es doch nur erklären, dann verstünde ich mich selbst vermutlich um Längen besser.
Du nimmst meine Hand und bevor ich sie dir entziehen kann, zerrst du mich aus dem Bus vor ein gemütlich wirkendes Häuschen.
Genauer kann ich es nicht betrachten, denn schon reißt du mich zur Tür und ich muss zu Boden schauen, um nicht zu stolpern oder hinzufallen. Erst vor der schmalen, hellen Haustür lässt du meine Hand los und kramst nach deinem Schlüssel, wo ich den Moment deiner Unachtsamkeit nutze und diese verstohlen reibe.
Du hast aufgeschlossen und greifst wieder nach meiner Hand, doch rasch ziehe ich sie an mich.
Wieder grinse ich, vielleicht auch, um zu verbergen, wie unbehaglich ich mich durch diese Berührung fühle.
"Und wieder zu langsam, Schnecke. Aber keine Sorge; ich kann selbst laufen."
Augenverdrehend,  aber dennoch ebenfalls grinsend, packst du trotzdem meine Hand und ziehst mich hinein, bevor ich protestieren, schimpfen, oder dich schlagen kann, was vielleicht auch besser so ist.
Wir gehen an vielen Räumen vorbei und weil uns niemand entgegenkommt, schließe ich daraus, dass wir alleine sind.
Letzten Endes bugsierst du mich in ein Zimmer, das sich kaum von den anderen unterscheidet, schließt die Tür, öffnest die Vorhänge und drehst dich zu mir um.
"Mein kleines Reich."
Merkwürdig schüchtern lächelst du, die Sonne umrahmt deine Gesichtskonturen wie ein Heiligenschein.
Ich sehe mich um und bin überrascht, als ich keine Dinge sehe, die ich für dich typisch gehalten habe, dafür aber überall welche, die nicht in Zusammenhang miteinander zu stehen scheinen.
Ein selbstgemaltes Bild einer Raubkatze auf einer Art Felsvorsprung, ein Anime, ein offen daliegendes Tagebuch, eine noch unfertige Geburtstagskarte, ein Poster von einem Karatesportler, ein Foto von einem Fluss im Sonnenuntergang und vieles mehr.
Am meisten fällt mir aber eine kleine, höchstens handgroße Schachtel auf, die verschlossen scheint.
Du gehst hinüber und öffnest sie.
Es ist eine Spieluhr.
Im Deckel eingelassen ist ein kleiner Spiegel, im Boden eine genauso große Taschenuhr, dessen Zeiger sich ununterbrochen im Kreis drehen, viel schneller als eine gewöhnliche Uhr, so als verstreiche die Zeit hier schneller. Während sie das tun, ertönt aus der Schachtel eine mir nur allzu bekannte Melodie.
Es ist dieselbe, die ich vorhin gesummt habe.
Ich schaudere.
Zufall oder Schicksal?
Du stellst die Spieluhr auf den Boden, setzt dich mit dem Rücken zu ihr auf den Boden und erst jetzt bemerke ich, dass es hier drin nur einen Stuhl, einen Tisch und ein Bett gibt, weshalb du dich wohl auf den Boden setzt, damit wir beide sitzen können.
Mit einem Wink bedeutest du mir, das Gleiche zu tun und ich gehorche, während sich wieder die Angst in mir bemerkbar macht.
Warum ist dein Zimmer nicht so, wie ich es erwartet habe? Wie kann man so viele Dinge mögen, an so vielen verschiedenen Sachen interessiert sein? Bist du normal und meine Vorstellungen sind einfach nur verdreht oder umgekehrt? Was erwartest du von mir? Was soll ich tun, was lassen? Was machen wir jetzt? Was willst du mir zeigen?
Unbehaglich lasse ich mich vor dir nieder und du holst ein zerknittertes Blatt Papier aus deiner Hosentasche.
Die Spieluhr scheint lauter zu werden.
Vorsichtig glättest du das Blatt und ich sehe, dass eine Zeichnung ist.
Eine Zeichnung von...
Ja von was?
Ich sehe Farben, Formen, Konturen, Linien und Buchstaben, kann jedoch keinen Zusammenhang, kein Bild, kein Wort erkennen.
Ein Knoten bildet sich in meinem Magen. So wie jedes Mal.
Bin ich vielleicht sogar wahnsinnig? Bin ich schon so verrückt, dass ich nicht mehr lesen kann?
Ich weiß mal wieder nicht weiter. Irgendwie ist mir diese Geheimniskrämerei, irgendwie bist du mir unheimlich.
Deine vielen unterschiedlichen Interessen, die dich so aus der Masse hervorstechen lassen, dein Lachen, dass zu häufig erklingt um echt zu sein, jedoch zu herzlich und offen wirkt, um falsch zu sein. Dein Lächeln, das mich dazu veranlasst, zurückzugrinsen, anstatt dich einfach zu ignorieren wie jeden anderen, deine Offenheit, ob nun gespielt oder nicht. Du bist anders. Ich kann dich nicht durchschauen, dich nicht verstehen, und das macht mir Angst. Besser kann ich es nicht beschreiben. Und obwohl ich es zu unterdrücken versuche, versuche, es diesmal zu ignorieren, merke ich, wie diese Angst von mir Besitz ergreift.
"Was erkennst du auf der Zeichnung?", fragst du.
Es klingt geheimnisvoll, beinahe verschwörerisch.
Nichts.
Doch ich traue mich nicht, dir das zu sagen.
Also lüge ich, während der Knoten in meinem Magen immer größer und schmerzhafter wird.
"Vieles."
Ich warte eine Weile bis ich das sage, um den Eindruck zu erwecken, dass ich viele Dinge dort genauestens studiert habe.
Das Blut rauscht in meinen Ohren, die Spieluhr spielt immer lauter und der Schmerz, der von meinem Magen ausgeht, wird so stark, dass ich nicht mehr wahrnehme, was du erwiderst.
Stattdessen ist meine gesamte Aufmerksamkeit auf den Spiegel der Spieluhr hinter dir gerichtet.
In ihm sehe ich deinen Rücken, dahinter mein Spiegelbild, mit blutverschmierten Händen, einem blutigen Messer in der Hand und einem wahnsinnigen Glühen in den Augen über deines gebeugt, zum tödlichen Schlag ausholend.

Oder bin das ich?