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Ein Foto. Naomi und ich in einer Umarmung. Hinter uns das nächtliche Berlin. Das war vor zwei Tagen. Nein, vor 47 Stunden und 29 Minuten. Da habe ich sie das letzte Mal gesehen. Und erst heute erfahren, dass sich danach ihre Spur verloren hat. Keiner hat seitdem von ihre gehört. Nicht ihre Familie oder irgendwelche ihrer tatsächlich engen Freunde, keiner ihrer Mitschüler. Nein, ich bin die letzte Person, die Naomi gesehen hat. Und das vor 47 einhalb Stunden. Kurz nachdem das Foto entstanden ist. Ein Polaroid. Eins von vielen an meiner Zimmerdecke. Ich habe sie schon immer als Gesamtkunstwerk gesehen. Das Chaos der ganzen Farben, Orte und Gesichtern lässt mich wieder in die spannenden und fröhlichen Momente eintauchen, die darauf festgehalten sind. Aber gleichzeitig lassen mich die eingefangenen Erinnerungen ruhig werden bis ich erstarrt daliege … So wie jetzt. Aber ruhig bin ich überhaupt nicht. Meine Muskeln sind angespannt und gleichzeitig habe ich das Gefühl, ich darf sie auf keinen Fall bewegen. Ich zucke zusammen, als ich aus den Augenwinkeln plötzlich meine Hand sehe. Meine ausgestreckten Finger nähern sich immer mehr der winzigen Gestalt von Naomi auf dem Bild oben links.

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Sie steht vor dem Kühlschrank und wartet auf 4 Uhr. Noch 5 Sekunden. 4,3,2,1,0. Sie öffnet ihn mit der rechten Hand und greift in das oberste Fach. Es ist leer. Ihr Herz pocht schneller, während sie den leeren Boden abtastet.
Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Es ist 4 Uhr und es befindet sich keine Vollmilchschokolade im Kühlschrank.
Die letzten 20 Jahre lagen dort jeden Tag 2 Tafeln Schokolade, Vollmilch, 32 Prozent Kakaoanteil. Heute nicht.
Sie muss augenblicklich los und Neue kaufen. Sie eilt mit genau 8 Schritten in den Flur ihres Hauses. Von der Kommode nimmt sie ihren Geldbeutel und öffnet ihn. Sie zählt ihr Kleingeld nach. Es befinden sich 6 zwei Euro Stücke darin. Gut. Sie mag nur gerade Zahlen. Sie schließt das Portmonee und geht mit 4 Schritten zur Tür. Sie öffnet diese und tritt nach draußen. Es weht eine leichte, warme Brise. In der Blumenschale steckt ein Thermometer. 18 Grad.
Nur noch die 4 Stufen der kleinen Steintreppe nach unten laufen, zwei sehr große Schritte nach rechts, dann steht sie schon vor ihrem Briefkasten. Sie hat jeden einzelnen Kieselstein, der in den Waschbeton der Treppe eingelassen ist, gezählt. Auf der obersten Stufe sind es 214, auf der zweiten 218, auf der dritten 208, aber die vierte Stufe mag sie am liebsten.
Genau 222 Steine sind darauf. Ihre Lieblingszahl.

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»Herzlich willkommen, Herr Grefeld, folgen Sie mir, heute beginnt ein neuer Karriereabschnitt. Ich bringe Sie gern zu Ihrem Büro.«
In zwei Wochen wird Taddäus Grefeld sein dreißigstes Jubiläum als Angestellter der Kraftstoff-Kühne AG feiern. Und schon heute hat er es geschafft. So viele Jahre der Loyalität und Vernachlässigung von Leidenschaften haben ihm die erhoffte Beförderung ins Management eingebracht. Er wird gleich zum ersten Mal sein Einzelbüro betreten, mit Eichenholzschreibtisch und Ledersessel. Die Konjunktur ist gut zur Zeit.
Herr Grefeld schreitet langsam durch das Foyer des Gebäudekomplexes A. Sein Magen grummelt etwas, als hätte er falsch gegessen. Er hat heute Porridge gehabt, wie meistens. Meistens ging es ihm danach nicht so.
»Na, Herr Grefeld, aufgeregt?«
Er trägt seinen besten, einen grauen Leinenanzug, besonnen am Morgen ausgewählt. Ein Geschenk seiner Eltern zur Silberhochzeit. Die hatte letztes Jahr in kleinem Kreise stattgefunden. Taddäus Grefeld wird jetzt von der Sekretärin durch die Flure des Gebäudekomplexes A der Kraftstoff-Kühne AG geführt. Er denkt an den Blick aus seinem Küchenfenster und an die Krähe die heute auf dem Fenstersims gesessen hatte. Denkt ans Porridge, in dem er nebenher gestochert hatte. An die Fahrt im 10er. Da war’s losgegangen.
»Herr Grefeld?«

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Ich schlängle mich durch die Massen der Einkaufsmall. Gesprächsfetzen dringen aus allen Richtungen an meine Ohren. Ich schlüpfe in einen kleinen Laden. Als ich eintrete, schlägt mir warme Luft entgegen. Ein wohliger Schauer läuft mir über den Rücken. Es riecht wie früher bei meiner Oma.
Der Laden ist mit unzähligen Plüschtieren und so einem Zeug zugestopft. Kuscheltiere in allen möglichen Farben und Größen. Ich lächle. Vielleicht finde ich ja hier endlich ein Geburtstagsgeschenk für meine kleine Cousine. Etwas Blaues im Augenwinkel zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Es ist ein Delfinanhänger. Ich nehme ihn in die Hand, um ihn näher zu betrachten.
Mein Handy klingelt: Ich zucke zusammen. Dabei rutscht mir der Anhänger aus der Hand. Ich hocke mich hin und will ihn aufheben. Ein Fußpaar tritt in mein Blickfeld.
»Lange nicht gesehen, Fleur.« Bens Stimme ist rau und sanft zu gleich.
Ich richte mich auf und schaue ihn an.

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Du wachst auf, doch du bist noch zu müde. Du drehst dich wieder um und ziehst die Bettdecke enger um dich. Du schließt die Augen. Aber es ist hell. Normalerweise dürfte es um diese Uhrzeit nicht hell sein. Du blickst auf die Uhr, die auf deinem Nachttisch steht. Die Uhr zeigte zehn Minuten vor acht an.
Du hast verschlafen und deine Eltern haben dich nicht geweckt.
Du musst los!
Eilig springst aus dem Bett und fischst ein paar Kleidungstücke aus deinem Schrank. Du hast keine Zeit zu Duschen und ziehst dich in Windeseile an. Dann rennst du in die Küche, reißt den Kühlschrank auf und siehst, dass eine Dose mit Broten darin liegt. Du packst die Dose und stopfst sie in deinen Ranzen. Danach siehst du noch eine Flasche Erdbeermilch. Auch die schnappst du dir und packst sie ein. Schließt die Kühlschranktür und stürmst aus der Küche in den Flur. Du ziehst dir die Schuhe an und wirfst dir eine Jacke über. Schnappst dir noch schnell deinen Schlüssel und steckst ihn in die Jackentasche. Dann öffnest du die Haustür, rennst in den Garten, wo du dein Fahrrad holst.

...weiterlesen "»Zu spät« von Paul Eliah Ziese"